Zwei Fragen

Mein erster Gedanke war “gut, dass bemerkt wurde, dass hier nachgehakt werden muss”, als ich ein Blatt mit zwei Fragen vorgelegt bekam. Es war kurz vor einer Übungsstunde, also Gelegenheit, sofort auf die Fragen einzugehen.

Einer Übenden ging es darum, etwas mehr über den Begriff second wind, den wir gelegentlich gebrauchen, zu erfahren. Ihre zweite Frage betraf das Thema Gnade.

Zumindest die zweite Frage war zu erwarten gewesen, denn wir hatten die drei Voraussetzungen aufgegriffen, die nach der Meinung indischer Lehrer gegeben sein müssen, damit der Suchende “befreit” werden kann. Als Befreiung (kaivalya) wird das Innesein der wahren Identität bezeichnet. Die drei Voraussetzungen dafür sind: ein menschlicher Körper, Sehnsucht und die “Gnade” des Lehrers.

Um die Problematik mit dem Wort Gnade haben wir immer gewusst, es aber trotzdem stehen lassen. Nach seiner Herkunft meint es Ruhe, Rast, Freude warum also sollte man nicht sagen können.” Ruhe und Freude im eigenen Selbst”? Sagen wir das, ist das Problem schon behoben, denn “Lehrer” und “Selbst” sind identisch. Der Lehrer vor uns ist – im Yoga – des Selbstes äußerer Repräsentant.

Ist das Problem nun wirklich gelöst, wenn es so einfach ist? Meine Fragestellerin hatte wohl eine gute Führung, zwei vermeintlich verschiedene Themen gleichzeitig anzuschneiden. Ihr Wunsch, auch etwas über atha, sie sagte “second wind”, zu hören, ergänzt ihre Frage nach dem Wesen der Gnade. Von nun an wird sie wissen, was mit der zweiten Kraft (oder dem zweiten Wind), der Kraft nach dem “toten Punkt”, gemeint ist.

Die Yoga-Sutras beginnen mit atha und die Lehrer legen den größten Wert auf das rechte Verständnis dieses Wortes. Es ist der Schlüssel für alle Worte, die ihm folgen, für das ganze Patanjala Yoga-Sutram, den ganzen Yoga.

Damit der Sinn deutlich wird, möchte ich ein paar Zeilen aus dem Originaltext von Dr. P. V. Karambelkar zitieren. Dr. Karambelkar ist einer der bedeutendsten Interpreten der Sutras in unserer Zeit. Er sagt:

»Atha« which means »now« ist generally used as an introductory word when in some discussion suddenly a new and important topic is to be opened. In this way this word also indicates that prior to the presentation of the new topic, there was already going on a discussion or talk, very probably on a closely related subject matter. … Yoga Sutras …are meant for a person, who has learnt and practised a lot in this discipline.”

Wir sind sicher, dass alle Bemühungen vor atha auch zu Buche schlagen, vorausgesetzt, wir hatten uns redlich und erschöpfend bemüht, denn wo hätte damals Yoga nicht stattgefunden?

Texte © Rudolf Fuchs

Bilder © Jutta Zimmermann