Evolution

Von Anfang an war das Wesen, das wir heute Mensch nennen, zur Erkenntnis seiner Identität bestimmt. Im Laufe seiner über Millionen von Jahren reichenden Entwicklung hat es – zu diesem Zweck – eine Vielzahl von Überlebenstechniken entwickelt. Der äußere Teil seiner Strategie bestand aus der Abschirmung gegen äußere Einflüsse: Das Dach über dem Kopf und die Entwicklung von kontrollierbarer Wärme waren die ersten Schritte. Nahrungsgewinn, nicht nur aus den vorhandenen Gaben der Natur, war dann eine nächste große Etappe, die auch zur Bildung von Beziehungen und Gemeinschaften untereinander führte.

Dabei wohl etwas zu kurz gekommen sein mag in manchen Abschnitten der Entwicklung des Wesens Mensch der innere Raum, der Bereich bestimmt für die Besinnung auf den eigentlichen Sinn seiner Existenz. Jedenfalls erschienen – und erscheinen immer noch – Menschen mit der besonderen Aufgabe, die Erinnerung daran zu erneuern. Man nennt sie, je nach Standort, Messias, Prophet, Avatara, auch Religionsstifter usw. In der Bhagavad Gita ist es Shri Krishna, der da sagt, er werde in jedem Zeitalter wieder geboren, “die Bösen (die vergessen haben) zu verderben und die Guten (die sich erinnern) zu beschützen.”

Mit dem Dämmern der Erinnerung wird der Mensch zum wahren Menschen, er ahnt von seiner wahren Identität und die Sehnsucht nach ihr hält ihn wach. Nun kann der Yoga beginnen, der erste, bewusste Schritt auf dem längst vorgezeichneten Pfad. Und nun werden die auf dem langen Weg der Entwicklung in den Chakras gesammelten Überlebenskräfte zu ihrer wahren Bestimmung wieder erweckt.

Die Übungen im Yoga mit ihrem hauptsächlich imaginativen, aber auch körperlichen Aspekt haben die Wirkung, den nun auf sich selbst gestellten Menschen mit Einsicht, Erkenntnis und Energie auszustatten. Den Gipfel seiner Evolution hat dieser Mensch erreicht, wenn in ihm alles, was er bewirkt, erkannt und verstanden hat, in die Erneuerung der Frage mündet: “Wer bin ich?”

Wer bin ich?

pratyakṣāvagama: Es ist keine Sache, die bewiesen werden muss, es ist vielmehr durch unmittelbare Erfahrung bestätigt. Es ist Wissen, welches durch Vertrautsein, nicht durch Beschreibung, vom Hörensagen oder durch Berichte erworben wird. Die Wahrheit leuchtet da mit ihrem eigenen Lichte, darauf wartend, dass wir sie sehen, wenn die behindernden Schleier gefallen sind.
Sarwapalli Radhakrishnan zu IX,2 der Bhagavatgita (Löwit Verlag)

Texte © Rudolf Fuchs

Bilder © Jutta Zimmermann